Willkommen in Menstrutopia: Ein Blick in eine Welt, in der Menstruation kein Tabu mehr wäre.

Verfasst von Emma Libner
Diesen Mai jährt sich der erste Internationale Menstruationstag – auch bekannt als MH-Tag – zum zehnten Mal. Er findet jedes Jahr am 28. Mai statt. In den vergangenen zehn Jahren wurde der MH-Tag in Zeitungsartikeln und Kommentarspalten über verschiedenste Themen diskutiert, von Menstruationsbeschwerden und kostenloser Menstruation bis hin zur sogenannten Tamponsteuer, wie die hohe Mehrwertsteuer auf Menstruationsprodukte im Volksmund genannt wird. 2021 erreichte die Debatte sogar das dänische Parlament, als ein Vorschlag zur kostenlosen Bereitstellung von Menstruationsprodukten für alle eingebracht wurde.
Anders ausgedrückt: Wir haben in kurzer Zeit viel erreicht, aber es bleibt noch viel zu tun. Zum Beispiel dauert es derzeit durchschnittlich fünf bis sieben Jahre, bis die schmerzhafte Beckenbodenerkrankung Endometriose diagnostiziert wird – eine Krankheit, von der bis zu jede zehnte Frau mit Gebärmutter betroffen ist. Studien zeigen außerdem, dass menstruierende Menschen aufgrund von Menstruationsschmerzen jährlich etwa neun Arbeitstage ausfallen.
Wie sähe die Welt also wirklich aus, wenn die Menstruation in allen Bereichen der Gesellschaft vollumfänglich anerkannt und respektiert würde? Genau diese Frage habe ich in diesem Artikel zu beantworten versucht.
Willkommen in Menstrutopia.
Eine Welt ohne Geflüster
Stell dir eine Welt vor, in der du das Wort „Menstruation“ ganz unbefangen aussprechen kannst, ohne Angst zu haben, jemanden zu beleidigen. Eine Welt, in der es sich komisch anfühlen würde, leise zu sprechen, nur um die Fremde in der Toilettenkabine nebenan nach einer Binde zu fragen. Genau das ist Menstrutopia. Denn hier fühlt sich niemand unwohl dabei, über Menstruation zu sprechen. Nicht einmal die eigene.
Statt auf die intimsten Bereiche des Privatlebens beschränkt zu sein, findet das Gespräch über die monatliche Blutung in Menstrutopia überall statt: in Schulen, in den Gängen der Direktoren und im Rampenlicht auf den Bühnen der Umgebung, wenn die großen Popstars über Tränen und Blutungen singen.
Hier ist der Wortschatz für alle Erfahrungen rund um den Menstruationszyklus reichhaltig und vielfältig und keineswegs von jahrhundertealten Tabus geprägt. Selbst in der Werbung für Menstruationsprodukte wird die Menstruation unverfälscht und ungefiltert gezeigt, genau so, wie sie ist. Denn in Menstrutopia ist Menstruation nicht nur natürlich. Es ist auch völlig normal, darüber zu sprechen.
Eine Welt, in der man immer einen Notizblock griffbereit hat.
Mit einer offenen und lebendigen Sprache rund um das Thema Menstruation ist es wohl selbstverständlich, dass in Menstrutopia auch Binden in allen öffentlichen Toiletten bereitliegen. Denn hier wissen wir, wie wichtig es für die Gleichberechtigung ist, dass die physische Umgebung alle Körper, die sie nutzen, einbezieht.
Anders ausgedrückt: In dieser nahezu perfekten Welt werden Sie nur sehr selten in eine Notsituation geraten und keinen Binden oder Tampon dabei haben, denn überall wird dafür gesorgt, dass Menstruationsprodukte genauso selbstverständlich sind wie Toilettenpapier und Handseife. Und das beginnt bereits in der Schule. Dort wird der Menstruationszyklus obligatorisch erklärt und alle verfügbaren Menstruationsprodukte werden ausführlich vorgestellt, damit die erste Periode mit Neugier und Staunen und nicht mit Unbehagen und Angst verbunden wird. Und das gilt natürlich für Jungen und Mädchen gleichermaßen.
Eine Welt mit wenig oder gar keinen Menstruationsschmerzen
In Menstrutopia herrscht ein regelrechter wissenschaftlicher Wettlauf. Forscher wetteifern darum, als Erste bahnbrechende Erkenntnisse zur Erforschung des Menstruationszyklus zu gewinnen. Die Forschung im Unterleib genießt so hohes Ansehen, dass Unternehmen und Stiftungen Schlange stehen, um Studien zu Menstruationsbeschwerden und zyklusbedingten Erkrankungen finanziell zu unterstützen. Ja, es ist tatsächlich nur eine Frage der Zeit, bis Menstrutopia ein Heilmittel für Krankheiten wie Endometriose hat.
Bis dahin können die Bürgerinnen von Menstrutopia unbesorgt zum Arzt gehen, wenn ihre Periode regelmäßig ist, ohne dass ihnen gesagt wird, ihre Schmerzen seien „völlig normal“. Denn in dieser Traumwelt wissen sowohl Wissenschaftler als auch Laien, dass Menstruation natürlich nicht weh tun sollte. Selbst diejenigen, die selbst nicht menstruieren.
Eine Welt, in der die Arbeit auf den Einzelnen zugeschnitten ist – und nicht umgekehrt.
Ein weiterer Vorteil des Lebens in Menstrutopia ist, dass man am Arbeitsplatz den monatlichen Zyklus menstruierender Mitarbeiterinnen und dessen Auswirkungen auf die tägliche Arbeit anerkennt. Dieses Bewusstsein spiegelt sich nicht zuletzt in den spezifischen Mitarbeiterrichtlinien und -verträgen der Betriebe in Menstrutopia wider.
Hier haben Sie die Möglichkeit zu flexiblen Arbeitszeiten und Zugang zu separaten Toiletten am Arbeitsplatz. An allen Arbeitsplätzen werden sogar verpflichtende Kurse zum Thema Menstruation angeboten. Ziel ist es, Ihnen zu helfen, Ihren Zyklus zu verstehen und zu nutzen. Das ist einer der größten Vorteile des Lebens in Menstrutopia: Alle, unabhängig von Geschlecht und Menstruationsstatus, sind sich einig, dass Maßnahmen, die menstruierende Frauen unterstützen, letztendlich allen zugutekommen.
Eine Welt, die vielleicht gar nicht so weit entfernt ist?
Sie denken vielleicht, Menstrutopia klingt nach reiner Science-Fiction, unrealistisch und unerreichbar. Doch bevor Sie die Idee einer zyklusfreundlichen Gesellschaft verwerfen, möchte ich Ihnen sagen, dass wir in den letzten Jahren bereits erste Anzeichen dieses Traums in der Realität gesehen haben. So bieten beispielsweise verschiedene Unternehmen kostenlose Menstruationsprodukte an – von kleinen Cafés bis hin zu größeren Veranstaltungsorten wie Vega und Arena Næstved. Einige (darunter Flow Intimates) gehen sogar so weit, ihren Mitarbeiterinnen bezahlten Urlaub zu gewähren, wenn deren Menstruationsbeschwerden am stärksten sind.
Gleichzeitig hat die öffentliche Debatte über Menstruation einen Quantensprung gemacht. War es einst etwas, das wir lieber in Watte gepackt und mit vagen Begriffen umschrieben („meine Tage“, „Tante Rød“ und mein absoluter Hassbegriff: „meine Scheiße“), so erleben wir nun einen konstruktiven Dialog, der die entscheidende Rolle der Menstruation in der Gesellschaft anerkennt. Im jüngsten Finanzgesetz wird Endometriose sogar – zum ersten Mal überhaupt – erwähnt, und der Patientenverband Endometriosis Community erhielt ebenfalls einen kleinen Geldbetrag, um das Bewusstsein für die Krankheit zu schärfen, damit hoffentlich mehr Menschen Hilfe erhalten können.
Nicht zuletzt zeigt sich die positive Entwicklung auch in den Schulbudgets. Zuerst in der Gemeinde Albertslund und nun zuletzt in der Gemeinde Kopenhagen, wo Politiker allmählich den Vorteil erkannt haben, Binden und Tampons für Schülerinnen bereitzustellen, damit diese sich auf ihre Bildung konzentrieren können, anstatt während der Schulzeit Zeit mit der Beschaffung dieser Produkte zu verbringen.
Alles in allem ein kleiner, aber willkommener Anfang einer langen und wichtigen Reise. Und wer weiß? Vielleicht landen wir ja eines Tages in Menstrutopia.



































